Schlafmützen und Wecker-Hasser

Was mich die Nächte über unsere Arbeitseffizienz gelehrt haben – ein Rückblick von Cyrill.

Greifswald, Sonnenschein und T-Shirt-Wetter, unsere Reise beginnt. Noch bevor wir über die erste Schule reden, reden wir über uns: Stress, wo er herkommt und wie man auf ihn reagiert.

„Ich muss jede Nacht mindestens 8 Stunden schlafen, sonst bin ich gestresst.“

„Morgens ist mir ein gemütliches Aufstehen wichtig, ich mag es überhaupt nicht, geweckt zu werden – durch Menschen, scheinbar witzige Lieder oder durch gesnoozte Wecker.“

„Wenn ich Hunger habe, dann werde ich unerträglich und schlecht gelaunt.“

Diese Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.

Zugegeben, ich frage mich zu diesem Zeitpunkt: Wozu das Ganze? Muss ich mir jetzt jedes Wehwehchen anhören? Das ist doch unnötig, zumal könnten wir in der Zeit doch super draußen in der Sonne entspannen.

Jetzt ist es schon Tag 4, die ersten Gedanken um die Gruppendynamik kreisen durch den Kopf. Problemlos war’s, keine Konflikte kochen hoch und das, obwohl wir uns die erste Nacht nur ein Bad mit Dusche teilten und die nächsten beiden Nächte zwar einen großen Waschbereich, aber keine Dusche hatten.

An Tag 5 in Hamburg ist es dann soweit. Die Schule sagt uns die Hospitation ab. Nach einem Gespräch mit einem Lehrer und einer Führung durch die Räume sind wir schon mittags fertig. Ein Teil der Gruppe möchte jetzt Freizeit machen und am Abend arbeiten, ein anderer Teil jetzt arbeiten und später Freizeit haben. Wir beginnen, uns ins Wort zu fallen, die Stimmung ist gereizt, einige fühlen sich angegriffen. In meinen vorherigen Gruppenerfahrungen ist die Atmosphäre an solchen Stellen gekippt, erste Verfeindungen geschaffen.
Jetzt kommt der Vorschlag: Ein Stimmungsbild machen, bei dem jeder die Gelegenheit bekommt, auszusprechen, wie es ihm geht und wie es nun nach der eigenen Meinung weitergehen würde. Ich bin erstaunt, die Gruppe fängt sich und entscheidet sich nach der kurzen Abkühlung für eine kurze Pause sofort und für die Arbeit am Nachmittag.

Über das Wochenende beschäftigt mich unsere Gruppenkommunikation weiter. Bis auf das kurze Ausbrechen am Freitag sind wir so harmonisch und konfliktfrei durch die erste Woche gereist. Dabei fällt mir noch etwas Anderes auf: Wir sind in unseren Arbeitsphasen unglaublich produktiv. Erst gegen Ende der Reise stelle ich für mich den Bezug zu unseren persönlichen Beziehungen her.

Zu Beginn der zweiten Woche dann wieder: Es gibt eine Gruppenverabredung, zu der nicht alle kommen. Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, wie klar die Verabredung ist. Starke Emotionen zeigen sich und wir leiten unsere zweite Stimmungsrunde ein. Diese dauert länger als eine Stunde. Jeder hört sich jeden an. Das kostet Kraft, aber ich zweifle nicht mehr an dem Nutzen für die Gruppe.

Gegen Ende der Reise reflektiere ich: Soweit ich gesehen habe, gibt es keine einzige Zweierbeziehung, in der eine negative Grundstimmung herrscht. In der Feedbackrunde zeigt sich: wir fühlen uns voneinander angenommen.

Unser Alt-Kanzler mag mein Thema als „Gedöns“ abtun. Für mich bedeutet die „emotionale Hygiene“, dass in Arbeitszeiten niemand seine Kraftreserven für Angriffe oder mögliche Verteidigungen bereithalten muss. Die Arbeit kann auf der Ebene bleiben, auf die sie gehört: Die sachliche.

Auf diese Weise nehmen Schlafmützen und Weckerhasser mit ihren artikulierten Bedürfnissen möglichen Druck raus. Sie werden als Menschen ernst genommen. Das heißt nicht, dass jedem Bedürfnis jederzeit entsprochen wird, sondern es formuliert und von den anderen „gesehen“ wird. Und das machte unsere Gruppe in meinen Augen so produktiv.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s