„Wenn wir uns streiten: Da sein.“

Aus dem Notizbuch von Pierre
17.03.2015

6:10 Erstes Gemurmel im Flur wahrzunehmen. Weckertöne bisher recht melodisch.

7:20 Die letzten kommen zum Frühstück. Tee und geretteter Joghurt werden verzehrt. Die Stimmung ist ausgelassen. Trotz nur einem Bad für 14 Menschen. Bravo!

7:35 Auch der letzten Matratze entweicht die Luft. Angesetzte Abfahrt 7.40. Wird eng.

7:45 Lunchpaketevermisstenanzeigen. Einigung auf Vertrauen, dass das schon wieder auftauche.

7:55 Abfahrt mit allem Gepäck. Und allen Menschen. Tschüss Greifswald.

8:10 Hallo Schule Nummer 1! Pünktlich bei der ersten Schule sein. Check.

8:16 Erste Worte von Frau Schmid – der Schulleitung der Schule „Am Park“: „Ich habe mal einen Satz gehört, den ich sehr gut fand. Eine Schule sieht so aus, wie die Schulleitung ist. Aber da kriege ich ein schlechtes Gewissen, denn dieses Schulgebäude ist wirklich schmuddelig. Wir haben alles getan, was wir konnten und tun es noch immer. Die Wände haben wir Lehrkräfte gestrichen, auch die Gardinen genäht. Weiter kamen wir nicht.“ Finden wir voll ok.

8:20 Frau Schmid erzählt von Todesfällen durch Deo-Schnüffeln, narbenübersäten Armen, Schüler_innen, die täglich 2-3 Stunden Fahrtweg auf sich nehmen, um zu dieser Schule gehen zu können, Biographien voll Trennungsschmerz, die hier in Klassenräumen zusammensitzen. Es sind Geschichten von Beziehung statt Erziehung. Von Aufnehmen statt Aufgeben.

8:30 100 Kinder mit häufig schweren Verhaltensauffälligkeiten besuchen die Schule „Am Park“. Immer und immer wieder wird hier das Paradoxe errungen: Unbeschulbare werden beschult. Werden gesehen. Werden erlaubt. Werden ernstgenommen. Werden bei Wut gehalten.

8:43 „Ich war Schiffsbauschlosser…und habe alle Schweißpässe. Natürlich weiß ich davon heut nichts mehr. Aber dann wurde ich Lehrerin, unterrichtete an vielen Schulen. Und Schulleiterin wollte ich nie werden, aber als Lehrerin habe ich gelernt, wie ich als Schulleiterin nicht sein will. Verstehen Sie? Hier bei uns werden die Türen nicht zu gemacht, wenn es Schwierigkeiten gibt, sondern weit aufgerissen.“

8:47 „Man muss sich immer immer immer wieder daran erinnern, was die Kinder für Biographien haben. Und dann versteht man, warum sie so handeln. Dann versteht man die Tobsuchtanfälle als Lösungsstrategie, mit ihrer inneren Welt umzugehen. Das heißt nicht, dass man das Verhalten gut heißen muss, aber man kann es nachvollziehen.“ Bitte mehr davon.

9:10 An der Schule „Am Park“ gäbe es oft Referendare, die berichten, dass sie von der Uni nicht hierauf vorbereitet werden. Kann man auf so etwas vorbereiten? Wie gewinnt man dieses Feeling für (solche) Kinder?

Anekdote eines Gesprächs zwischen Frau Schmid und einem frisch eingestellten Lehrer.
(Ein paar Jahre her)

Neuer Lehrer kommt mit Schüler zu Frau Schmid. Schüler soll bestraft werden.

L: Er hat gekippelt!
S: Das haben Kinder so an sich.
L: Aber wenn er sich wehtut, wer ist dann verantwortlich?
S: Wenn’s ein blauer Fleck wird, hat der Schüler Pech.
L: Aber wenn er sich den Kopf aufschlägt?
S: Das wollen wir nicht hoffen. Und ermahnen Sie ihn nicht so oft. Dann kippelt er nur noch mehr.

Vielleicht ist das so eine Anekdote, die man im Original gehört haben muss. Aus ihr sprach keine naive Unvorsicht. Aus ihr sprach jahrelange Erfahrung im Umgang mit diesen Schülerinnen und Schülern.

9:16 „Das ist so ein Kampf seit 18 Jahren. Wir haben Anfragen von Schülern von Gymnasien. Die Eltern wollen ihre Kinder hierherbringen und sind vom Konzept  begeistert, aber sie dürfen nicht. Das Schulamt sagt nein. Weil wir eine Förderschule sind. Das ist das Argument. Alle wollen Inklusion, aber warum nicht andersrum? Warum nicht die „normalen“ Schüler in Förderschulen inkludieren?“

Anmerkung: Frau Schmid hat eine sehr differenzierte Ansicht von Inklusion und dem Begriff eines „normalen“ Schülers.

9:12 Unterrichtsberater wollten nach dem Erhalt des Schulpreises 2012 nicht mehr kommen. Die Schule sei ja jetzt gut. Das Selbstverständnis der Schule ist ein anderes. Schule ist nie fertig. Die Beobachtung von außen wird gewünscht, gefordert. Die letzte Beratung ergab: Unglaubliches Niveau, was das soziale Miteinander betrifft. Didaktisch ist noch einiges aufzuholen.

9:21 „Die Hattiestudie wird ja viel diskutiert. Irgendjemand hat mal festgestellt: In Behrenhoff wird so gearbeitet. Wir nehmen wahr, was das Kind signalisiert und bauen darauf den Unterricht auf.“

Jetzt werden wir in 2er/3er-Gruppen auf verschiedene Unterrichtsstunden aufgeteilt. Die chronologischen Aufzeichnungen in Pierres Notizbuch enden hier. Einzig dieser mitgeschriebene Gesprächsausschnitt verrät noch etwas über den Nachmittag jenes erinnerungswürdigen 17. Märzes.

Später am Tag – im Gespräch mit Schülerinnen und Schülern (vor allem aus der 4. Klasse) der Schule

„Wir wollen ja fast alle mal Lehrer werden, was macht einen guten Lehrer eurer Ansicht nach aus?“

„Nett, hilfsbereit und… schön sein.“

„Wenn man mal Hilfe braucht, sollte er einem schon zuhören. Man sollte ihnen schon was anvertrauen können.“

„Nicht dumm sein.“

„Nicht böse sein, also nicht die ganze Zeit rumbrüllen.“

„Meine alte Lehrerin war blöd, die hat immer mit dem Zeigestock auf den Tisch gehauen.“

„Wenn wir uns streiten: Da sein.

Danke. Das merken wir uns.

Anmerkung: Die geführten Notizen repräsentieren keineswegs die Wahrnehmungen der Gruppe. Es ist ein Blogformatversuch.

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